Interview mit dem Doktor

Dieses Interview wurde Anfang 2007 im Backstagebereich einer großen deutschen Konzerthalle aufgezeichnet. Der Interviewer und der Interviewte genießen im Laufe der Unterhaltung mehrere sehr trockene Martinis und eine ausgesprochen gut temperierte Flasche Portwein.
Das Gerücht, dass Sie eine eigene Website starten, geistert nun seit Wochen durch die Lande. Was ist denn da geplant?
Nun, ich habe das Internet vor gut einem Jahr entdeckt. Rein zufällig. Beim Versuch in einem Internetcafe zu urinieren. Ich war überrascht. Zum einen von den menschen-unwürdigen hygienischen Verhältnissen der Lokalität. Vor allem aber durch die fantastischen Möglichkeiten des Mediums.
Kurz gesagt, ich sehe darin eine großartige Möglichkeit meinen musikalischen Erfahrungs- und Erlebnisschatz der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dieser Gedanke ist in mir gereift. Nun ist es an der Zeit, das Ganze in Stein zu gießen.
Um was genau geht es bei drdiggins.com ?
Es geht mir um Musik, um das Diggen von guter Musik! Diggen ist für mich mehr als zwanghaftes Plattenkaufen. Die Auseinandersetzung mit Musik und die Diskussion über Musik geht mir im Zeitalter von Videoclips und Klingeltönen verloren. drdiggins.com soll eine Anstoss sein, um musikalische Horzionte zu öffnen, um über Musik zu diskutieren und die Diggin Kultur zu hegen und zu plfegen. Es geht mir um die Suche nach dem perfekten Beat und um das Teilen dieser Leidenschaft und dieses Wissens mit anderen.
Quasi eine tägliche Dosis Ihrer Diggin-Manie?
Sozusagen. Ich werde meinen Walkman als Tape-Recorder missbrauchen, um musikalische Perlen, die ich für abgefahrenen Scheiss halte, mit anderen zu teilen. Das ganze soll eine musikalische Anregung sein. Der gepflegte Dialog über die Tapes ist dabei ausserordentlich erwünscht.
Welche Musikrichtungen werden auf drdiggins.com gediggt?
Das einzige, für mich relevante Kriterium ist Qualität. Es ist vollkommen egal, ob schwedischer Blackmetal, japanischer Teenie-Pop, französische Chansons oder tschechische Folklore. Hauptsache hochwertig. Man muss endlich aufhören, in Schubladen zu denken. Musik ist heute zu vielschichtig geworden, um sie mit den herkömmlichen Kategorien einzuordnen.
Und wir müssen endlich diesen ganzen mittelmäßigen Radioquatsch, dieses elende auf Massentauglichkeit zusammen geschusterte Durchschnittsgedudel hinter uns lassen! Niemand hat das Recht, uns tagein, tagaus mit den gleichen “größten Hits der 80er und 90er” die Ohren vollzukotzen! Das ist - vom Standpunkt der Evolution aus betrachtet - ein riesiges Hemmnis für die kulturelle Weiterentwicklung des Menschen (steht auf).
Mit ist eine wegweisende Neuinterpretation von “Feeling Good” durch ein ukrainisches Balalaika-Quintett tausend mal lieber als alles, was mir vom Radio als “Bester Musik-Mix” angedreht wird! (schreit) We shall overcome Mediocrity!!
Das war deutlich!
Tut mir leid. Aber da bin ich… Entschuldigung. (ext sein Glas, schenkt ein neues ein)
Geht’s wieder?
Denke schon.
Sie erwähnten soeben, dass man Musik nicht mehr mit herkömmlichen Kategorien unterteilen sollte.
Richtig! Die Übergänge zwischen Musikstilen sind zu vielschichtig geworden. Jeder heutiger Künstler und jede aktuelle Band ist von einem Jahrhundert Popmusik, und diese wiederum von hunderten Jahren Musikgeschichte beeinflußt. Das Resultat daraus mit einem Kriterium zu versehen, das ein ganzes Genre definieren soll, ist vollkommen abwegig. Viel richtiger ist es, den Effekt, den die Musik auf den Hörer hat, zu benennen und die Musik dadurch einzuordnen.
Dann ist die Einordnung von Musik völlig subjektiv!?
Das ist korrekt. Deswegen nehme ich die Kategorisierung auch völlig alleine vor. Wenn der Leser mich kennt, und nach ein paar Artikeln gemerkt hat, wie ich ticke kann er anhand meiner Kategorien schon erkennen, wie ich sie auslege.
Und wenn Ihnen etwas nicht gefällt? Was ist mit negativer Kritik?
Es geht hier nicht um negative Kritik. Dieser Platz im Netz soll ein Tempel der Musik sein. Eine Lobeshymne auf das zu Recht Bekannte und das zu Unrecht Vegessene.
Die Seite ist nicht dazu gedacht, Platten zu kritisieren. Es geht für mich darum den Leuten Musik, die ich für lobenswert halte, vorzustellen. Ich bin kein Missionar, ich digge. Und meine Funde möchte ich mit jedem, der es möchte, teilen.
Geht es darum mit der Sache Geld zu verdienen?
Nun, ich werde mich hüten für eine lobende Erwähnung Geld anzunehmen. Ich bin vollkommen unbestechlich. Wer aber etwas hat, dass er für erwähnenswert hält, ist gerne willkommen mir Tonträger zukommen zu lassen.
Doktor, ich danke Ihnen für das Gespräch
Gerne.
