Neun Stunden Tagesritt steckten in unseren Knochen – in aller Herrgottsfrühe hatten wir aufgesattelt, die Glut des Lagerfeuers ausgepinkelt und voller Scham das Erbrochene unseres “einheimischen” Führers mit Haferflocken abgedeckt. Der Einladung eines spanischen Brandyherstellers folgend war ich angetreten, den südamerikanischen Kontinent von seiner Südspitze aus bis nach Mexiko auf dem Rücken eines Stieres zu durchqueren.

Weiß der Teufel, welches Marketingmilchesicht sich diese gequirlte Scheisse ausgedacht hatte. Fakt war: der Spontankauf eines Yamaha GX-1 hatte mich in eine unappetitliche Geldnot getrieben, die mich zur Einwilligung in das Himmelfahrtskommando zwang.

Himmelfahrt und Hölle

Der Ritt auf dem Stier wurde zu einer Höllentour par Excellence, schon nach wenigen Tagen auf dem Rücken des schwarzen Ungetüms hatten meine Kronjuwelen Hinterbacken eine höchst bedenkliche Farbe angenommen. Zusätzlich wurde dem armen Tier alle paar Stunden ein halber Eimer Beruhigungsmittel verabreicht da uns der leicht reizbare Koloss ansonsten vollkommen zurecht aufgespießt hätte. Somit gesellte sich zum Filmteam, das mich in sicherem Abstand begleitete, neben dem “einheimischen” Führer auch noch ein höchst unseriöser Tierarzt aus Estland, der mehrere Kanister des Sedativums mit sich führte.

Nach unzähligen Wochen erreichten wir ausgemergelt, verdörrt und überglücklich die mexikanische Grenze. Es war bereits Abend geworden und um die elend langen Tage in der Hitze ertragen zu können, hatte man sich hin und wieder ein Glässchen vom Stierberuhigungsmittel abgezwackt. Ich wäre höchstwahrscheinlich vor Müdigkeit fast vom Stier gefallen, hätte mich die plötzlich einsetzende Bläsersektion auf dem Marktplatz des kleinen Grenzstädtchens nicht prompt aufhorchen lassen:

MUJERES QUIEREN BAILAAAAAAAAR!

Heilende Posaunen

Eine hutbedeckter, mit allerlei Blech und Tamtam bewaffneter Musikantenhaufen war angetreten, den kleinen Marktplatz in Schutt und Asche zu posaunieren. Zahnlose Alte, rassige Junge und Betrunkene aller Altersklassen stürmten den Platz zum Tanzen. Welch Empfang! Die heilenden Klänge dieser Los Pistoleros Güeros und deren seltsam vertraut wirkender Akzent vertrieben kurzerhand das ganze Leid und Elend der vergangen Wochen. Diese Marien-ähnliche Erscheinung wurde zu meinem persönlichen, südamerikanischen Lourdes.

Seit jenem denkwürdigen Abend bin ich großer Verehrer sowie kreischender Groupie jener grenzüberschreitenden Kappelle des Wahnsinns. Also bitte pack’ diese einmalige Chance beim Schlafittchen und lass’ die heilenden Rhythmen auch Deine Klöten Wunden kurieren. Meine Damen und Cherren: El Güero! Band ab!


Tape als MP3

Yours truly

Dr. Diggins