Das weiße Blatt starrte mich mit einer Mischung aus Herablassung und Amüsiertheit an. Unschuldig, nackt, gähnend leer. Ich hatte seit Wochen nichts Brauchbares zu Papier gekriegt. Ich versuchte zurückzustarren, verlor die Herausforderung aber noch im Moment des Stuhlzurechtrückens. Also ab in die Bar, wo die anderen mit der Schreibblockade saßen und ihre hinter zur Schau gestellter Emsigkeit mit aufgeklappten Laptops zu vertuschen suchten. Vor sich und der Welt. Bier kam und ging, Gedankenblitze zuckten auf um direkt neben mir in die Erde zu fahren, ungreifbar wie Molche in einem Einmachglas.

Selbstzweifel dank Intensivdünger

Heimweg im Taxi, falsche Adresse, hier wohnte ich gar nicht. Egal, das Geld war alle, ich musste laufen wenn ich den Taxifahrer nicht mit Liebesdiensten bezahlen wollte. Traurige, einsame Heimwege durch die Nacht sind Intensivdünger für gefährliche Gedanken. Sinnkrise, Selbstzweifel, geraubte geschnorrte Zigaretten im Park. Auf der Brücke, die mein leicht angeschnoddertes Viertel vom Rest der Stadt trennt, begann ich zu singen. Dieses großartige Lied, das an allem Schuld war.

Ich wollte es doch nur allen zeigen, wollte der ganzen Welt dieses Lied unter die Nase, resp. vor die Lauscher halten! Doch mir viel nichts ein, keine schrullige Anekdote, keine lebensstrotzende Binsenweisheit mit der ich meine musikalischen Empfehlungen sonst zu garnieren pflegte. Meine Leserschaft war das so gewohnt, immenser Leistungsdruck lastete auf meinen gemarterten Schultern.

Aber was soll man schon schreiben über die neue Tanzflächenhymne von Hot Chip? Ist doch schon alles gesagt worden, bei den letzten Hymnen. Und das ist eben die Neue und sie ist genau so brilliant wie die letzten. Hot Chip Singles sind die Lied gewordenen Quartalszahlen der Deutschen Bank. Kann doch auch keiner was drüber schreiben. Und sie sind immer genau so toll wie die letzten.


Tape als MP3

Yours truly

Dr. Diggins