Frühling: cancelled

Gleichwohl der Mitteleuropäer es ja gewohnt ist, dass ihm die Hose hinten von der Ferse an bis zu den Kniekehlen durchweicht, weil es tagaus, tagein nieselt, tröpfelt, schüttet oder aus Eimern gießt, so ist es auch sein gutes Recht, aufzustehen und dem Diktat des Wetters mit einem kräftigen STOP zu trotzen. So etwa im März ‘73: Seit Wochen gärte es in mir; die eitle Sonne wollte und wollte sich nicht zeigen und auch das Thermometer dümpelte im einstelligen Bereich. So ward von mir der Entschluss gefaßt: der Winter musste ein Ende haben.

Nacktes Stampfen

Noch im Morgenmatel stolzierte ich zum Santeria-Laden um die Ecke, um Eli, den Tinkturenhändler nach einer Lösung zu fragen. (Denn angeblich hält Santeria die Lösung auf wirklich alle Fragen bereit.) Hinter vorgehaltener Hand (unter Eingeweihten die Pondinger-Geste genannt) erzählte er mir von einem Ritus, der noch in der selben Nacht stattzufinden hatte und der in der westlichen Welt als Sundance bekannt ist. Man würde etwas stampfen, rythmisch sollte es sein und Bekleidung wäre ein Ausschließungsgrund für alle Beteiligten.

Genau mein Fall! Um 23 Uhr fand ich mich auf einem Feld auf den Hügeln vor der Stadt ein. Rund zwanzig unbekleidete standen nackend im Feld, slawische und mongolische Gesichtszüge sah ich genauso wie Südamerikaner und Afrikaner. Es war arschkalt und das Ausziehen fiel mir viel schwerer als es sonst in diesen Tagen der Fall war. Um das Ganze kurz zu fassen: Es war ein ziemlicher Reinfall. Am Tag darauf hatte ich eine Lungenentzündung und starke Schmerzen beim Wasserlassen. Kalt blieb es trotzdem noch fast vier Wochen.

Als ich allerdings das heutige Tape zum ersten Mal hörte, war ich sofort wieder da: Denn trotz der Nachwehen und der Erfolglosigkeit war das Happening der Kracher: Stampfen, Rythmus, Nackedeis und das Gefühl von Sommer. Vielleicht wird’s ja diesmal was. Zieht euch aus und tanzt!


Tape als MP3

Yours truly

Dr. Diggins